
Wissenwertes über den Buddhismus
​Obwohl der Buddhismus oft als «Religion» verstanden wird, unterscheidet sich dieser auf signifikante Weise davon. Der Buddhismus gründet auf genauer Beobachtung, Analyse und Vernunft, nicht auf göttlicher Offenbarung oder Dogma. In einem Sutra empfiehlt der Buddha, seine Lehren nicht blind zu akzeptieren, sondern nur aufgrund ihres kritischen Hinterfragens. Es ist bemerkenswert zu wissen, dass der Begriff Buddhismus in seinen Ursprungskulturen als «Dharma» bekannt ist, was als Studium und Erforschung der wahren Realität verstanden werden kann.
Der Buddha erkannte, dass unsere bewusste Erfahrung der primär Faktor ist für die Konstituierung unserer Lebensrealität. Seine Erkenntnis beschränkte sich jedoch nicht darauf, das Objektive und Materielle zu verstehen und damit zu navigieren, sondern war darauf ausgerichtet, die Ursachen von Unwissenheit und Leiden zu eliminieren. Er erkannte und wertschätzte das Verständnis dafür, wie die Dinge in der Welt funktionieren, betrachtete dies jedoch nicht als ausreichend, um unsere
Lebensrealität vollumfänglich zu verstehen und um das Leiden von Lebewesen zu beseitigen.
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Eine angewandte Wissenschaft
Die Arbeit mit uns selbst im buddhistischen Kontext ist ein intimer Prozess. Es beinhaltet die Analyse unserer Sicht der Dinge und das Überwinden der ge-wöhnlichen Selbstzentriertheit, während wir Vertrauen in die Güte und Intelligenz im Kern unseres Wesens entwickeln. Dazu pflegen wir die Praxis der Meditation. Diese Praxis unterscheidet sich sehr von der blossen Entwicklung neuer intellektueller Ideen und Einstellungen. Vielmehr fördert Meditation Ruhe und damit die Fähigkeit, eine Perspektive egoloser Weisheit zu entwickeln. In der Meditation finden wir Frieden mit uns selbst, machen uns mit der Güte unseres Wesens vertraut und beginnen folglich, diese Güte auch in anderen zu erkennen.
Wenn wir uns mit der Praxis der Meditation beschäftigen, ist es wichtig, ihren Geist und ihre Logik zu verstehen, damit wir nicht bloss unseren eigenen Erwartungen und gewohnten Mustern folgen. Meditation ist kein Weg, um der Welt zu entfliehen oder unsere Batterien aufzuladen, während wir uns weiterhin selbst und die Welt als grundsätzlich fehlerhaft betrachten. Die buddhistische Theorie ermutigt uns, unserer Realität umfassend zu untersuchen und neu zu evaluieren. Erst dann dient die Ruhe der Meditation dazu, uns auf eine weitaus differenziertere, offene Weise mit uns selbst und der Welt zu verbinden.
Der immense Wert des Beispiels und den Anleitungen des Buddha spiegelt sich in 2500 Jahren von Männern und Frauen wider, die seinem Weg gefolgt sind und innewohnende Qualitäten wie Weisheit, Mitgefühl und Stärke aufgedeckt haben. In buddhistischen Kulturen hat sich dieses erwachte Potenzial in zahllosen Individuen manifestiert – ein Potenzial, das wir alle besitzen, das jedoch oft unerkannt bleibt. Da wir aber den Samen erweckter Qualitäten alle in uns tragen bringt es Freude, Weisheit und Selbstlosigkeit auch in anderen zu erkennen.
Buddhistische Meister werden darum nicht als Retter oder Idole angesehen, sondern als einsichtsvolle Lehrer, die auf unser tiefstes und reinstes Potenzial hinweisen. Sie werden verehrt, weil sie Qualitäten reflektieren und verkörpern, die auch wir besitzen, aber noch nicht erweckt haben. Wir entwickeln unserer eigenen erweckten Qualitäten, indem wir die Lehrern der Meister in unsere gelebte Erfahrung integrieren. Durch diesen Prozess entfaltet sich eine echte Wertschätzung für den Lehrer auf natürliche Weise, und damit auch eine Offenheit, die uns für die Grösse ihres Seins sensibilisiert, jenseits der Grenzen von Meinungen und Sprache.
Das lebendige Erbe des Buddhismus
In Ländern wie Tibet war das höchste Ziel für jeden praktizierenden Buddhisten die Verfeinerung und Befreiung des individuellen Geistes, um dem Wohl aller Lebe–wesen zu dienen. Dieses Erleuchtungsprojekt durchdrang alle Aspekte der tibetischen Kultur – nicht nur als Ideal oder Mythos, sondern als gelebte Realität. Dieses bemerkenswerte Erbe ist auch heute noch unter uns, aufrechterhalten von Meistern der tibetisch – buddhistischen Tradition.
Während unsere modernen Wissenschaften des Bewusstseins, wie Neurowissenschaft und Psychologie, viel dazu beitragen können, neurobiologische Systeme zu verstehen und psychologisches Wohlbefinden zu ermöglichen, gibt es in der westlichen Akademie keine umfassende Theorie über die Natur des Bewusstseins, und noch weniger über die Erfahrung des Erwachens und seinen weg. Hier hat die buddhistische Wissenschaft viel zu bieten. Die Welt besitzt ein unschätzbares Erbe an Wissen über Bewusstsein in der tibetischen buddhistischen Tradition – sowohl in Bezug auf die Pathologien des Geistes als auch auf sein Potenzial für Freiheit und vollkommene Erleuchtung.
Es ist also wichtig zu verstehen, dass die buddhistische Wissenschaft des Geistes auf kritischer Investigation basiert. Es spricht unserer Vernunft, unsere rationale Intelligenz an. Aber es wurzelt auch in der grundlegenden Güte unseres Seins, etwas, das jenseits liegt vom analytischen Denken und Sprache und verbunden ist mit unseren intuitiven Herzensqualitäten der Vernunft und Selbstlosigkeit.
Jegliche seriöse Untersuchung der epistemischen Grundlagen buddhistischer Grundlagen wird das weit verbreitete Missverständnis zerstreuen, dass Buddhismus Mystizismus, spirituelles Woo-Woo oder auf andere Weise als Wissenschaft nicht legitim sei. Jede Interaktion mit buddhistischen Weisen und Meistern wird bestätigen, wie der Reichtum an inneren Qualitäten wie Weisheit und Mitgefühl durch die Ausübung des buddhistischen Weges entdeckt und hervorgebracht werden kann.
Seine Heiligkeit der Dalai Lama hat in seinen eigenen Schriften über die Universalität der buddhistischen Botschaft gelehrt und er wird oft in den Werken anderer zitiert. Seine Botschaft berührt die Tiefe unserer gemeinsamen Menschlichkeit. Dennoch ist es niemals der Wunsch seiner Heiligkeit oder des Buddha oder eines anderen erwachten Meisters, dass sie persönlich verehrt und vergöttert werden. Aufrichtige und mitfühlende Meister betrachten sich selbst eher als Ärzte und kümmern sich um uns, weil sie nur unsere natürliche, geistige Gesundheit wiederherstellen möchten.
Der Buddhismus hat sich im Laufe der Jahrhunderte geschickt an zahlreiche Kulturen angepasst und seine Relevanz und Anwendbarkeit spiegelt sich in der Art und Weise wider, wie sich auch das tibetische Volk an die moderne Welt angepasst hat. Dasselbe erfahren wir in der geschickten Art und Weise, mit der viele tibetische Meister weiterhin die Botschaft des Erwachens Buddhas weitergeben.
Text: Jakob Leschly / Übersetzung Monica Eyer