
Die vier edlen Wahrheiten
Einführung
Wer den Buddhismus kennenlernen möchte, sollte zunächst die Vier Edlen Wahrheiten betrachten. Das ist sinnvoll, denn dies war das erste Thema, mit dem der Buddha zu lehren begann. Schon zu seiner Zeit gab es viele religiöse und philosophische Systeme – heute ist die Vielfalt spiritueller Lehren noch größer.
Um den Buddhismus zu verstehen, ist es wichtig, herauszufinden, was ihn besonders macht. Viele seiner Lehren finden sich jedoch auch in anderen Religionen: etwa der Gedanke, ein gütiger und liebevoller Mensch zu sein und anderen nicht zu schaden. Solche Werte begegnen uns in fast jeder Religion und Philosophie, und um sie zu praktizieren, muss man sich nicht zwangsläufig dem Buddhismus zuwenden. Gleichzeitig bietet der Buddhismus zahlreiche Methoden, um Güte, Liebe und Mitgefühl zu entwickeln – Methoden, die uns unabhängig davon nutzen können, ob wir die anderen Lehren des Buddhismus annehmen oder nicht.
Wer aber das Besondere am Buddhismus verstehen möchte, kommt an den Vier Edlen Wahrheiten nicht vorbei. Dabei wird man auch einiges entdecken, das der Buddhismus mit anderen Systemen teilt.
Der Ausdruck „Edle Wahrheit“ ist dabei etwas ungewöhnlich. „Edel“ mag zunächst an mittelalterlichen Adel erinnern, gemeint sind hier jedoch spirituell weit fortgeschrittene Menschen. Die Vier Edlen Wahrheiten sind Tatsachen, die von denen als wahr erkannt werden, die die Realität auf eine Weise wahrnehmen, die nicht von Begriffen oder Vorurteilen geprägt ist. Obwohl diese Wahrheiten objektiv bestehen, verstehen die meisten Menschen sie nicht, und die Mehrheit ist sich ihrer nicht einmal bewusst.
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Die erste edle Wahrheit
Die erste edle Wahrheit wird üblicherweise als „Leiden“ bezeichnet. Buddha machte deutlich, dass unser Leben von Leiden geprägt ist und dass selbst das, was wir gemeinhin als Glück empfinden, oft mit Problemen verbunden ist. Das Sanskrit-Wort, das hier mit „Leiden“ übersetzt wird, lautet duhkha. Demgegenüber steht sukha, das für Glück steht.
Sprachlich betrachtet bedeutet kha „Raum“, während duh eine Vorsilbe ist, die ausdrückt, dass etwas unbefriedigend oder unangenehm ist. Es geht also nicht um moralische Wertung wie „schlecht“, sondern um die Erfahrung von Unvollkommenheit. Duhkha beschreibt einen Raum – sei es im Geist oder im Leben allgemein – der nicht stimmt, der unangenehm ist.
Zunächst betrifft dies offensichtliches Leid: Schmerz, Traurigkeit, Unglück – Erfahrungen, die jeder kennt und die niemand freiwillig erleben möchte. In diesem Punkt unterscheidet sich der Buddhismus nicht von anderen Lehren, die ebenfalls betonen, dass Schmerz und Leid unangenehm sind und vermieden werden sollten.
Die zweite Form des Leidens wird als „Leiden der Veränderung“ bezeichnet. Sie betrifft unser alltägliches, gewöhnliches Glück. Warum ist selbst dieses Glück problematisch? Weil es vergänglich ist. Würde das, was wir als Glück empfinden, wirklich dauerhaftes Glück sein, dann müsste es uns immer mehr Freude bereiten, je mehr wir davon erleben. Doch wir wissen, dass das nicht so ist: Der Genuss von Schokolade macht irgendwann satt, und selbst die liebevolle Zuwendung eines geliebten Menschen verliert nach einer Weile ihren angenehmen Reiz. Gewöhnliches Glück ist vergänglich, unterliegt ständiger Veränderung, und wir bleiben dadurch nie dauerhaft zufrieden.
Wir wollen immer mehr – sei es Schokolade, Aufmerksamkeit oder Zuneigung. Schon ein kleiner Bissen oder ein kurzer Moment der Freude würde genügen, doch wir streben ständig nach mehr.
Die dritte Form des Leidens ist das „alles durchdringende Leiden“, ein zentrales Konzept des Buddhismus. Dieses Leiden betrifft alles, was wir erleben, und beruht darauf, dass wir keine Kontrolle über unsere Geburt haben. Immer wieder geboren zu werden – mit Körpern und Geisteszuständen wie unseren – ist die Grundlage für das Auf und Ab von Schmerz und gewöhnlichem Glück. Hier wird das Thema Wiedergeburt angesprochen, das später noch vertieft wird.
Zwar lehrten auch andere indische Philosophien Wiedergeburt, doch Buddha verstand und erklärte den Mechanismus auf eine deutlich tiefere Weise. Er zeigte, wie Körper und Geist das ständige Wechselspiel von Schmerz, Vergnügen und Veränderung erfahren und welche Ursachen diesem Kreislauf zugrunde liegen.
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Die zweite edle Wahrheit
Die zweite edle Wahrheit zeigt die Ursache unseres Leidens: nicht äußere Umstände, sondern unser eigenes Verhalten. Buddha erklärte, dass sowohl Glück als auch Leid aus destruktivem oder konstruktivem Verhalten entstehen.
Destruktives Verhalten
Destruktiv ist alles, was uns selbst langfristig schadet. Es entsteht aus störenden Emotionen wie Ärger, Gier, Eifersucht oder Anhaftung. Auch wenn Handlungen kurzfristig nützlich erscheinen, können sie langfristig Leiden erzeugen, wenn sie aus Verwirrung oder impulsiven Emotionen resultieren.
Konstruktives Verhalten
Konstruktiv handeln wir, wenn unsere Taten nicht von störenden, sondern von positiven Emotionen wie Mitgefühl, Geduld oder Liebe geleitet werden. Solches Verhalten fördert langfristiges Glück, Ruhe und Gelassenheit, auch wenn die Effekte nicht sofort spürbar sind.
Glück und Unglück
Unser Glück ist keine Belohnung, unser Unglück keine Strafe – beide folgen inneren Gesetzmäßigkeiten, die auf unserer Verwirrung beruhen. Wir überschätzen uns selbst, erwarten, dass alles nach unserem Willen geschieht, und projizieren Vorlieben und Abneigungen auf andere. Dieses oberflächliche Glück ist flüchtig und führt oft zu Unzufriedenheit.
Tieferliegende Verwirrung
Grundlage des Leidens ist unsere begrenzte Wahrnehmung: Körper und Geist erzeugen das Gefühl, unabhängig und besonders zu sein, obwohl wir Teil eines Ganzen sind. Unsere Sinneswahrnehmungen sind beschränkt, was Missverständnisse und Ärger begünstigt.
Mangelndes Gewahrsein
Dieses Unwissen, oder besser: mangelndes Gewahrsein, lässt uns falsche Vorstellungen über uns selbst und andere entwickeln. Wer die Realität erkennt, sieht die Welt anders und handelt konstruktiver. Die wahre Ursache des Leidens ist unsere verwirrte, unrealistische Sicht auf die Welt.
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Die dritte edle Wahrheit
Die dritte edle Wahrheit wird als „wahre Beendigung“ oder „wahres Erlöschen“ bezeichnet. Sie besagt, dass es möglich ist, Verwirrung und Leiden endgültig zu überwinden, sodass sie nie wieder auftreten. Indem wir die Ursache der Verwirrung beseitigen, lösen sich die Probleme auf, und wir befreien uns vom ständigen Auf und Ab des Lebens sowie von den wiederkehrenden Wiedergeburten – dem, was im Sanskrit „Samsara“ genannt wird. Der Zustand der Freiheit davon wird „Nirvana“ genannt.
Schon zu Buddhas Zeiten gab es andere indische Systeme, die ebenfalls von Befreiung sprachen. Doch sie boten keine tiefgehende Erklärung für die wahre Ursache des Leidens. Temporäre Unterbrechungen, etwa durch Wiedergeburten in Bereichen tiefer geistiger Versenkung, waren möglich, führten aber nicht zu dauerhafter Befreiung.
Buddha lehrte, dass wahre Befreiung möglich ist. Wer kein Interesse daran hat, kann sich mit der Situation abfinden und versuchen, das Beste daraus zu machen – genau wie viele Therapien darauf abzielen, mit bestimmten Bedingungen zu leben oder Hilfsmittel zu nutzen.
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Die vierte edle Wahrheit
Die vierte edle Wahrheit, oft als „wahrer Pfad“ übersetzt, zeigt uns, wie wir zur Befreiung gelangen können. Sie beschreibt einen Geisteszustand, der uns hilft, unsere Projektionen und falschen Vorstellungen zu erkennen. Unser Geist projiziert ständig Unsinn – von extremen Fällen wie Schizophrenie bis hin zu alltäglichen Übertreibungen, etwa der Idee, ein Apfelstrudel könne uns vollkommen glücklich machen.
Wir existieren zwar, doch nicht so, wie wir glauben: als unabhängige, feste Wesen. Alles entsteht aus Ursachen und Umständen und verändert sich ständig. Wir projizieren Eigenschaften und Erwartungen auf Menschen und Dinge, die sie nicht erfüllen können, was Ärger, Enttäuschung und Leiden erzeugt. Diese Projektionen sind „Leerheit“ – nichts Reales entspricht ihnen.
Der wahre Pfad bedeutet zu erkennen, dass unsere Projektionen keine reale Grundlage haben. Verwirrung entsteht, wenn wir glauben, sie seien real; korrektes Verständnis heißt, ihre Unwirklichkeit zu sehen. Je mehr wir logisch prüfen, desto klarer wird: ein festes „Ich“ oder die Vorstellung, dass die Welt nach unserem Willen funktionieren sollte, existiert nicht. Dieses Erkennen befreit von vielen Problemen und destruktiven Emotionen.
Meditation und Konzentration helfen, dieses Verständnis zu vertiefen. Liebe und Mitgefühl unterstützen den Geist, in dieser Einsicht zu bleiben, da wir erkennen, dass alle miteinander verbunden sind.
Die vier edlen Wahrheiten sind Buddhas einzigartige Methode, unser Leiden und dessen Ursachen zu erkennen und den Pfad zu seiner Überwindung zu zeigen – ähnlich einem Arzt, der Diagnose stellt, Ursachen erkennt und Heilung ermöglicht. Letztlich liegt es an jedem selbst, den Pfad zu beschreiten und das Leiden zu überwinden.
Zusammenfassung
Der Buddhismus teilt zwar vieles mit anderen großen Religionen und philosophischen Systemen, doch die Vier Edlen Wahrheiten – Buddhas erste Unterweisungen – sind eine einzigartige Darstellung dessen, wie wir existieren, welches Leiden wir erfahren und wie wir unsere Probleme überwinden können.
Buddha wird oft mit einem Arzt verglichen: Ein Arzt stellt fest, dass wir krank sind. Ebenso erkannte Buddha die Vielzahl der Leiden, die Lebewesen überall erfahren. Ein Arzt sucht nach der Ursache der Krankheit; analog dazu wies Buddha darauf hin, dass die wahre Ursache die Verwirrung über die Art unserer Existenz ist. Danach zeigt ein Arzt, ob Heilung möglich ist, und verschreibt die entsprechende Behandlung oder Medizin. Entsprechend lehrte Buddha den Weg zur Beendigung des Leidens und wie man ihn erreichen kann. Letztlich bleibt es jedem selbst überlassen, die „Medizin“ zu nehmen bzw. den Pfad zu beschreiten, um sein Leiden zu überwinden.
Auszüge aus Originaltext die vier edlen Wahrheiten :
Übersetzung ins Deutsche: Cornelia Krause / Berzin Archives / studybuddhism.com​​