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„Genau dort, wo du bist – das ist der Ort, an dem du anfangen kannst.“ –  Pema Chödrön

Image by Oscar Keys

Fünf Eigenschaften der Meditation

Standhaftigkeit

Durch die Meditation entwickeln wir Loyalität gegenüber uns selbst. Diese Standhaftigkeit, die wir in der Meditation kultivieren, geht unmittelbar in eine Loyalität gegenüber unserer Lebenserfahrung über.
Standhaftigkeit bedeutet, dass Sie sich beim Meditieren erlauben, genau das zu erfahren, was im jeweiligen Augenblick geschieht. Manchmal sitzen Sie vielleicht eine Stunde lang da – und es wird einfach nicht besser. Dann mögen Sie denken: «Schlechte Meditationssitzung.» Aber die Bereitschaft, zehn Minuten, zwanzig Minuten oder so lange, wie Sie eben dagesessen haben, einfach still zu bleiben, ist eine mitfühlende Geste, durch die Sie Loyalität und Standhaftigkeit sich selbst gegenüber entwickeln.
Wir neigen dazu, jedes Geschehen mit Benennungen, Meinungen und Urteilen zu überlagern. Standhaftigkeit – also Loyalität gegenüber sich selbst – bedeutet, Abstand davon zu nehmen. Ein Teil der Standhaftigkeit besteht darin, dass wir, wenn unser Geist mit Lichtgeschwindigkeit dahinrast, den ungekünstelten Moment zulassen, der keinerlei Mühe erfordert: Wir bleiben einfach bei unserer Erfahrung.

Klares Sehen

Die zweite Eigenschaft, die wir in der Meditation entwickeln, ist das klare Sehen, manchmal auch klares Bewusstsein genannt. Wir lernen, uns selbst dabei zu ertappen, wie wir abschweifen, wie wir Menschen oder Umständen gegenüber abweisend werden oder uns dem Leben verschließen. Wir beginnen wahrzunehmen, wenn eine neurotische Kettenreaktion in Gang kommt – eine Reaktion, die unsere Fähigkeit einschränkt, Freude zu empfinden oder uns mit anderen zu verbinden.
Man könnte annehmen, dass wir in der Meditation, weil wir so still sitzen und uns auf den Atem konzentrieren, nicht viel mitbekommen. Doch das Gegenteil ist der Fall: Durch Standhaftigkeit entsteht allmählich eine Form von nichturteilender, unvoreingenommener Klarheit. Gedanken kommen, Gefühle kommen – und wir sehen sie glasklar.
So kommen Sie sich selbst näher und beginnen, sich besser zu verstehen. Sie erkennen, wie Sie immer wieder dieselben Muster wiederholen – wie eine alte Schallplatte. Sie sehen Ihre Meinungen, Ihre Urteile, Ihre Verteidigungsmechanismen. Meditation vertieft das Verständnis Ihrer selbst.

Mut

Die dritte Eigenschaft, die wir in der Meditation kultivieren, ist Mut. Er zeigt sich darin, dass wir uns erlauben, mit unseren emotionalen Nöten zu sitzen. Oft haben wir dabei das Gefühl, «etwas falsch zu machen». Doch gerade hier wächst in uns allmählich Mut. «Allmählich» ist entscheidend, denn es handelt sich um einen langen Prozess. Mit der Zeit stellen Sie fest, dass Sie den Mut entwickeln, emotionales Unbehagen sowie die Prüfungen des Lebens anzunehmen.
Meditation ist kein plötzlicher Umschwung, sondern ein Prozess langsamer Transformation. Je mehr wir üben, je mehr wir uns öffnen, desto mehr Mut entwickeln wir. In der Meditation haben Sie nie das Gefühl, «es geschafft» zu haben oder «angekommen» zu sein. Vielmehr entspannen Sie sich so weit, dass Sie das erfahren können, was schon immer in Ihnen war.
Wenn Sie den Mut entwickelt haben, auch die schwersten emotionalen Nöte auszuhalten, erkennen Sie, wie viel Trost und Sicherheit Ihre innere Welt birgt. Meditation lockert die Konditionierungen, die uns festhalten, und löst den «Leim», mit dem wir unser Leiden verlängern.

Erwachen

Die vierte Eigenschaft ist die Fähigkeit, zu unserem Leben zu erwachen – zu jedem einzelnen Augenblick, so wie er ist. Dies ist die Quintessenz der Meditation: Aufmerksamkeit für genau diesen Moment, die Bereitschaft, einfach hier zu sein.
Anfangs wehren wir uns dagegen. Auch ich hatte zu Beginn das Gefühl, etwas falsch zu machen. Erst später verstand ich, dass in mir ein Widerstand gegen das bloße Hier-Sein wirkte. Achtsamkeit für den Augenblick gibt uns keine Gewissheit oder Vorhersehbarkeit. Doch wenn wir lernen, uns in den gegenwärtigen Moment zu entspannen, lernen wir zugleich, mit dem Unbekannten umzugehen.
Das Leben ist niemals vorhersehbar. Genau an dem Punkt, an dem wir unsere Grenze spüren und das Unbekannte akzeptieren müssen, beginnt das Erwachen von Herz und Geist. Der gegenwärtige Augenblick ist die treibende Kraft unserer Meditation, der Treibstoff unserer persönlichen Reise. Die Meditation bringt uns an den Rand des Abgrunds, dorthin, wo wir den Halt verlieren. Wenn Sie sich dem Unbekannten stellen, ermöglicht Ihnen das, Ihr Leben in vollen Zügen zu leben und Ihre Beziehungen mit mehr Hingabe anzugehen. Dann leben Sie rückhaltlos.

Keine grosse Sache

Die fünfte Eigenschaft nenne ich «keine grosse Sache». Damit meine ich die Flexibilität, den gegenwärtigen Moment zu nehmen, wie er ist. Natürlich können in der Meditation tiefe Einsichten, Freude oder ein Gefühl der Wandlung auftauchen. Aber dann: keine grosse Sache!
Dies war eine der wichtigsten Lehren meines Lehrers Chögyam Trungpa Rinpoche. Eines Tages berichtete ich ihm voller Aufregung von einer besonderen Erfahrung während der Meditation. Er hörte ruhig zu, sah mich offen an und legte seine Hand auf meine. Dann sagte er nur: «Einfach … keine … grosse Sache.» Er meinte weder «gut» noch «schlecht». Er wies lediglich darauf hin, dass solche Erfahrungen geschehen können – aber dass es besser ist, keine grosse Sache daraus zu machen. Denn sonst verfallen wir leicht in Stolz oder das Gefühl, «etwas Besonderes» zu sein.
Die Meditation hilft uns, dieses «Keine grosse Sache» zu verinnerlichen – nicht als Zynismus, sondern als Ausdruck von Humor und Flexibilität. Wer alles gesehen hat, kann alles lieben.

 

Auszug aus dem Buch «Meditieren» von Pema Chödrön 

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